Vor fast einem Vierteljahrhundert (ohje, wie die Zeit vergeht!) kaufte ich mir von meinem mickrigen Lehrlingsgehalt auf dem Nürnberger Trempelmarkt meine ersten Tarotkarten und
das Tarotbuch "78 Stufen der Weisheit" von Rachel Pollack.

Als Anfängerin war ich natürlich sehr unsicher im Umgang mit Tarot, aber auch überaus fasziniert von Rachel Pollacks Kartenbeschreibungen. Um die Bedeutungen der Tarotkarten zu erlernen, glaubte ich damals, dass es am einfachsten wäre, wenn ich mir erst einmal die wichtigsten Aussagen und Erklärungen zu den Karten aus meinem Tarotbuch herausschreiben, und diese dann auswendig lernen würde.

Leider war das aber ein riesiger Trugschluss!
Es war nämlich alles andere als einfach, die vielen Kartenbedeutungen mit den ausführlichen Erklärungen von Rachel Pollack auswendig zu lernen und sich diese dann auch noch zu merken!
Unter uns gefragt: Kennst Du ein Genie in Deinem Umfeld, das es jemals geschafft hätte, einen Teil eines Buch von fast 400 Seiten auswendig zu lernen? Also ich persönlich kenne niemanden. Ich muss damals wohl völlig verwirrt gewesen sein, als ich von mir annahm, ein solches Genie zu sein. Denn als ich die Tarotkarten in meinen Legungen dann ohne Buch deuten wollte, war es wie verhext. Mein Verstand arbeitete zwar auf Hochtouren, um mein angelerntes Wissen zu den jeweiligen Tarotkarten abzurufen, aber ich hatte die meisten Bedeutungen und schönen Formulierungen zu den Karten schlichtweg vergessen.

Und weil sich meine naive Annahme über die Größe meines Genies natürlich nicht bestätigte, war ich völlig geknickt, weil ich mir nicht einmal 100 Seiten meines tollen Tarotbuches merken konnte. So nahm ich wieder enttäuscht meine Krücke "Buch" zur Hand und las bei meinen Kartenlegungen nach, was zu den einzelnen Karten geschrieben stand.
So richtig nah kam ich mir bei dieser Art der Kartendeutung nie.

Durch die Erfahrung, mir die Bedeutungen der Tarotkarten einfach nicht merken zu können, konnte ich meine Unsicherheiten beim Kartendeuten auch nicht überwinden, um die Tarotkarten ohne Buch zu deuten. Nicht einmal für Freunde traute ich es mir zu, die Karten zu legen, denn es war mir peinlich, dass ich die Kartenbedeutungen auch nach Jahren immer noch in einem Buch nachlesen musste.

Ich weiß wirklich nicht mehr wann, aber jedenfalls irgendwann, besuchte ich dann einen Tarotkurs.
Aufgrund der Kürze des Kurses erklärte die Referentin die 78 Tarotkarten nur mit ein paar Schlagwörtern, im Schnelldurchgang. Danach mussten sich die Kursteilnehmer untereinander die Tarotkarten ohne Buch deuten. Meine Tarotkartendeutung verlief sehr, sehr holprig. Ich konnte ja nicht mein Buch herholen. Obwohl ich der deutschen Sprache eigentlich schon mächtig war, hatte ich das Gefühl, dass ich an diesem Nachmittag keinen halbwegs ganzen Satz zustande gebracht hatte.
Nach den Kartendeutungen war mir heiß und ich hatte einen Kopf wie eine rote Tomate.

Dennoch legte der Besuch dieses Tarotkurses den innerlichen Grundstein für das freie Deuten der Tarotkarten. Dieser Kurs war der erste von vielen weiteren Schritten in den darauf folgenden Jahren, damit ich meine Tarotbücher bei späteren Legungen immer öfter im Regal stehen lassen konnte. Zwar bekam ich noch oft innerliche Hyperventilationsanfälle und Buchrückfälle, wenn in einer Legung Hofkarten oder Karten auftauchten, zu denen ich keinen wirklichen Bezug hatte.
Aber heute deute ich die Karten, ohne Bücher, aus meinem Herzen und aus meinem Bauch heraus.

Die Moral von meiner Geschichte
Es dauerte lange, bis ich begriff, um was es eigentlich geht, wenn man sich und anderen die Tarotkarten deutet.
Bitte verstehe mich nicht falsch, Bücher sind wichtig. Sie helfen uns, unsere ersten Gehversuche in der Welt des Tarots zu machen. Aber wie Eltern die Hände ihrer kleinen Kinder irgendwann loslassen müssen, damit sie ihre eigenen Erfahrungen im Gehen und Erkunden dieser Welt machen können, müssen auch wir die Bücher und alles, was wir aus ihnen auswendig gelernt haben, irgendwann loslassen.

Im Kurs begann ich das erste Mal über die Karten zu reden und zu hören, anstatt alleine in meinem stillen Kämmerlein nur über sie zu lesen. Ich hörte das, was ich und die Referentin über die Karten sagten, und es hatte eine ganz andere Wirkung auf meine Merkfähigkeit. Die Kursteilnehmerin, der ich die Karten deutete, gab mir Antworten auf meine Fragen und ein Feedback zu dem, was ich ihr über die Karten erzählte. Und ich konnte daraus lernen, als sie mir die Karten legte und mir ihre Sichtweise meiner gezogenen Karten erklärte.
Da wir in diesem Tarotkurs alle Anfänger waren, war der Druck auch nicht so groß, denn wir saßen alle im gleichen Boot. Alle hatten rote Köpfe, stotterten herum und manchmal fiel uns zu einer Karte auch einfach nichts ein. Aber das machte nichts aus, denn jeder hatte Verständnis für den anderen, weil wir alle genau wussten, mit welchen Problemen man sich am Anfang beim Deuten der Tarotkarten herumschlägt. Dieser Kurs hat mir persönlich viel gebracht. Ich habe bis heute keine Minute und keinen Pfennig bereut.



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Warum ein Seminar besuchen, um Tarot zu erlernen?
 
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Andrea Winter-Achtelig
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